Jurybegründung
Durch den Vorhang

„Wir sind eine deutsche Klasse. Und wir sind in Israel!“ Mit diesen Worten weist der Lehrer in dem Film „Durch den Vorhang“ das Ansinnen seines Schülers Tom nach einem entspannten und Gedenkstätten-freien Urlaub im Heiligen Land zurück. Tom ist mit seiner Klasse anlässlich eines Schüleraustauschs in Israel. Doch die Reise steht für ihn unter keinen guten Vorzeichen: Sein Gastbruder Ari hasst alles Deutsche aus tiefstem Herzen, und kurze Zeit später liegt Tom mit zwei bandagierten Händen im Krankenhaus. Der Schüleraustausch, den die Elterngeneration mit guten Vorsätzen geplant hatte, nimmt eine völlig andere Wendung. Dies wird humorvoll erzählt und ist großartig gespielt. Leon Seidel, der Darsteller von Tom, verkörpert den dauergenervten und seine Pubertät lustvoll auslebenden Jugendlichen mit beindruckendem Realismus.
„Durch den Vorhang“ erzählt von einer Generation junger Menschen, die nicht mehr so recht wissen, warum sie die Versöhnungsrituale ihrer Eltern mitspielen sollen. Als Tom versucht, Aris Mauer der Ablehnung zu durchbrechen, weist ihn dieser mit den Worten zurück: „You can do all this shit. The Jews understanding the Germans. The Germans hugging the Jews. Happy Family. But in here: Don't speak too much and don't touch my stuff. This is my Reich!“ Die Szene, die kurz darauf in einem wahrhaft explosiven Finale mündet, fasst die Spannung im Verhältnis der beiden Jugendlichen in Bilder. Während sich die Elterngeneration um Versöhnung und eine störungsfreie Oberfläche bemüht, kommt es zwischen den jungen Männern zur Entladung unausgesprochener Spannungen.
Neben dieser gescheiterten Annäherung zwischen Deutschen und Israelis erzählt der Film jedoch noch eine zweite Geschichte. Im Krankenhaus trifft Tom auf eine alte Frau namens Rosa. Sie scheint verwirrt und halluziniert in verschiedenen Sprachen. Nach und nach erfährt Tom von Rosas Schicksal: Als junges Mädchen wurde sie im Rahmen der Kindertransporte, die zwischen 1938 und 1939 über 10.000 jüdischen Kindern das Leben retteten, anstelle ihrer älteren Schwester Karin nach England geschickt. Auf diese Weise entkam sie als Einzige aus ihrer Familie der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie und überlebte anstelle Karins, die eigentlich nach England reisen sollte. Rosa hieß von nun an Karin und lebte das Leben ihrer Schwester. Bis ins hohe Alter plagt Rosa das Schuldgefühl der Überlebenden. Sie bittet Tom darum, ihre Geschichte nicht zu vergessen: „Ihr baut uns Denkmäler, aber Karin darfst du nicht vergessen. Du bist jetzt der Einzige. Vergiss uns nicht.“
Auf kluge Weise verwebt der Film Vergangenheit und Gegenwart. Er geht nicht über die Ermüdungserscheinungen hinweg, die mit dem Thema Holocaust und einer angemessenen Erinnerungskultur verbunden sein mögen. Zugleich zeigt er mit großer Eindringlichkeit, warum das Erinnern wichtig ist – und warum es weniger um Denkmäler als um Menschen geht. „Durch den Vorhang“ ist ein bewegender Film, der eindrücklich dafür plädiert, das Schicksal des oder der Einzelnen niemals zu vergessen. Ohne zu moralisieren, setzt er sich mit der heutigen Generation junger Menschen auseinander und verweist gleichzeitig auf die bleibende Verantwortung für die Katastrophe der Shoah. Durch das durchgängig überzeugende Spiel der Darsteller bietet der Film Identifikationsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler und ist aus diesem Grund ein wertvoller Beitrag gerade auch im Bildungskontext. „Durch den Vorhang“ ist ein Glückfall, weil er filmisches Können mit einer eindrücklichen, jedoch niemals aufdringlichen Botschaft verbindet.

 

 

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