Jurybegründung
Morgenland

Wie ist es möglich, ohne professionelle Kenntnisse einen Film zu drehen? Nicht so schwer würden vielleicht viele sagen, denn das Internet ist voll von Tutorials und Programmen, die dabei unterstützen. Durch die digitale Technik ist dies kaum ein Problem. Doch wie kann es gelingen, einen guten Film zu drehen, der die Herzen der Zuschauer_innen berührt und zudem ein gesellschaftlich aufgeheiztes Thema von einer ganz neuen Seite beleuchtet?
Eine Gruppe von Jugendlichen aus Göttingen hat es – mit engagierter Unterstützung – geschafft! Mit ehrlicher Hingabe, großem visuellen und formalen Ideenreichtum und einem Augenzwinkern erstellen sie einen Film über ihre Träume. Ihre offenen Fragen und ihre poetischen Texte über Erfahrungen auf der Flucht, ihr Lebensgefühl und ihre Zukunftswünsche ermöglichen einen besonderen Zugang zu vielschichtigen Biographien.
Doch was sind die Träume dieser Menschen; ein Fußball-Star werden? Hier werden ganz individuelle Träume entwickelt, die uns überraschen und mitträumen lassen. Ein junger Mann aus Libyen träumt etwa davon, Polizist zu sein. Er mag es im Vergleich zu seinem Heimatland, wenn Regeln verlässlich sind, und möchte die Polizei als „Freund und Helfer“ verkörpern. Ein Jugendlicher bewegt sich kunstvoll durch das Wasser eines Schwimmbades. Er spricht über seine Überlebensangst bei der Überfahrt übers Meer in einem leckenden Boot. „Du bist in einer großen Gruppe, aber du bist so allein.“
Ein anderer Jugendlicher tanzt zunächst für sich selbst seinen ganz eigenen Tanz, bevor ihn seine Freund_innen begleiten. Er ist durch die Sahara gegangen. „Ich wasche jeden Tag den Sand von meinem Körper ab.“ Ein junger Mann träumt, selbst Arzt zu sein. Er spricht über die absurde Situation, dass Ärzte versuchen, das Alter von Jugendlichen mit Fluchterfahrung einzuschätzen und Menschen dann plötzlich zwei Geburtstage haben. Seine eigene Fluchtgeschichte hat ihn wertvolle Lebenszeit gekostet, dass der Wunsch, Arzt werden zu können, unerreichbar zu sein scheint.
Der Film transportiert für das Publikum das Gefühl von beständiger Unsicherheit, dem die Protagonist_innen ausgesetzt sind. Durch den Film „Morgenland“ verstehen wir, dass Menschen mit Fluchterfahrung weder an das schnelle Geld glauben, noch sich irgendeine Utopie herbei sehnen. Dafür haben sie viel zu viel in ihrem Leben erlebt, um diesen Trugbildern zu erliegen. Vielmehr ist es die Sehnsucht nach Anerkennung und einen Platz in der Gesellschaft.
Mit diesem tragisch-komischen und zugleich sehr liebevollen, poetischen Film haben es die Macher_innen geschafft, die Herzen der Zuschauer_innen zu berühren. Die Jury findet, dass der Film „Morgenland“ ein herausragendes Beispiel dafür ist, dass Menschen Hand in Hand Großartiges schaffen können. Das beginnt mit einem Film wie diesem. Und wenn viele es wollen, dann lässt sich so viel vorstellen, das als Wunschtraum beginnt und Realität werden kann. Für diese überzeugende Arbeit zeichnen wir den Film „Morgenland“ mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 in der Kategorie Amateure aus.

 

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