Dr. Bärbel Kofler

 

Bewegte Bilder bewegen

„Film ab!“ – das sind auch in Zeiten der Streaming-Dienste und DVDs immer noch zwei magische Worte. Das Medium Film ist ein besonderes Medium, um Geschichten zu erzählen und Identifikation mit den Protagonisten zu erzeugen. Da ist zum einen der Kinosaal, in dem eine Vielzahl von Menschen die gleiche Geschichte zum gleichen Zeitpunkt verfolgen – so wird Gemeinsamkeit hergestellt. In der Welt des Menschenrechtsschutzes gibt es diese Gemeinsamkeit auch – häufig entsteht sie dadurch, dass ein Bericht über Missstände veröffentlicht wird und ihn viele Menschen zum gleichen Zeitpunkt lesen. Diese Berichte, meist verfasst von Nichtregierungsorganisationen, sind ein unverzichtbarer Bestandteil des Menschenrechtsschutzes, auch für meine eigene Arbeit. Diese Berichte transportieren Fakten – sie sollen uns helfen, Vorgänge intellektuell zu durchdringen.

Auch Filme transportieren Fakten. Anders als in einem Fachbuch oder in einem wissenschaftlichen Artikel kann man in einem Film weder vor- noch zurückblättern, und Fußnoten, die weiterführen, gibt es auch keine. Aber: Dokumentarfilme, aber auch Spielfilme können helfen, komplexe Sachverhalte besser zu verstehen. Filme sprechen in besonderer Weise, neben dem Intellekt, auch das Empfinden an. So erschließen sie neue, bereitere Zielgruppen.

Was dies bedeutet, hat sich beim Film „Hotel Ruanda“ gezeigt. Er informiert nicht nur über die Vorgänge während der Morde in Ruanda im Jahre 1994. Sein größter Verdienst ist es, für dieses Grauen überhaupt ein Interesse zu wecken. Ich bin überzeugt, dass dies mit anderen Medien so nicht hätte erreicht werden können.

Ein besonderes Beispiel ist für mich auch der Film „Dead Man Walking“. Ich selbst, wie auch die Bundesregierung, lehne die Todesstrafe kategorisch ab. Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Dass ein solches Tun, das nicht ungeschehen gemacht werden kann, ausgerechnet den Abschluss eines Gerichtsprozesse bilden kann und in der Umsetzung auch noch von ausgebildetem medizinischen Heilpersonal begleitet wird, ist für mich der Gipfel des Zynismus. Auch bei denen, die Hinrichtungen befürworten, wir der Film „Dead Man Walking“ zumindest den Eindruck hinterlassen, dass die Frage der Todesstrafe ist wesentlich komplizierter ist, als sie behaupten. Vielleicht ist diese Einsicht ist der erste Schritt hin zu einer Ablehnung. Mit Berichten wären diese Personen schwerer zu erreichen.

„Ten Years“ ist ein low-budget Film aus Hongkong, der die düstere Vision einer Zukunft zeichnet, in der Kinder ihre Eltern bespitzeln oder Taxifahrern verboten wird, Knotenpunkte wie den Flughafen zu bedienen, wenn sie nur Kantonesisch und nicht Mandarin sprechen. In Festlandchina darf man über diesen Film nicht einmal sprechen, jedenfalls nicht positiv. Dass ein solches Verbot tatsächlich durchgesetzt wird, ist ein weiteres Beispiel, das zeigt, wie menschenrechtlich beladen ein Film sein kann.

Oder nehmen wir den Film „Wadjda“, der aus dem Alltag eines Mädchens in Saudi-Arabien erzählt. Wir können viele Berichte über die Situation der Frauen dort lesen, aber nur dieser Film gibt uns die Möglichkeit, bei Wadjda und ihrer Familie am Tisch zu sitzen und ihren Alltag mitzuerleben. Diese Szenen vermitteln uns kein empirisch belastbares Material, aber dennoch ein umfassendes „Bild“.

Ich danke allen Beteiligten des Deutschen Menschenrechts-Filmpreis dafür, dass sie einen Anreiz setzen, bewegte Bilder zu bewegen und so daran mitwirken, die Menschenrechte voranzubringen!

Dr. Bärbel Kofler, Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe

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