Zwei Jahre nach „Esperanza 43“ (von Oliver Stiller)

Die Geschehnisse vom 26. und 27. September 2014 rund um die 43 vermissten Studenten von Ayotzinapa sind nun gut drei Jahre her. Im vergangenen Juni war ich das erste Mal nach dem Dreh von „Esperanza 43“ wieder in Ayotzinapa, der Universität in Tixtla in Guerrero, von der die vermissten Studenten stammen.




Zwei Jahre nach „Esperanza 43“

Die Geschehnisse vom 26. und 27. September 2014 rund um die 43 vermissten Studenten von Ayotzinapa sind nun gut drei Jahre her. Im vergangenen Juni war ich das erste Mal nach dem Dreh von „Esperanza 43“ wieder in Ayotzinapa, der Universität in Tixtla in Guerrero, von der die vermissten Studenten stammen.

In der Zeit nach dem Dreh des Filmes ist dort viel passiert. In dem Mikrokosmos des Uni-Campus schreitet die Welt noch schneller voran. Die Eltern waren zu der Zeit, in der ich da war, im ganzen Land verstreut, sie habe ich leider nicht getroffen.

Die damaligen Erstsemester kommen nun ins letzte vierte Jahr. Der „Kampf“ um die verschwundenen hat die sowieso schon traumatisierten jungen Menschen mitgenommen, wie man es sich vorstellen kann. Viele haben die Universität verlassen, nachdem sie dem Tod entronnen waren. Selbst das bekannteste Gesicht des Protests der Studenten ist gegangen. Die, die blieben, hatten ein Jahr lang keinen Unterricht, kaum Ablenkung. Das verlorene Jahr bedeutet auch, dass sie auf dem beruflichen Markt deutliche Nachteile haben, denn auch die Absolventen von Ayotzinapa müssen sich dem Markt stellen.

Auch wenn die Universität von Ayotzinapa noch immer für die jungen Menschen aus armen Familien im Bundesstaat Guerrero die einzige Möglichkeit zu einem Studium bedeutet, ist die Zahl der Bewerber stark eingebrochen. Angst spielt verständlicherweise eine große Rolle. Gleichzeitig werden alle anderen Schulen im Stile der „Rural Normal de Ayotzinapa“ nach dem „Fall Ayotzinapa“ bedroht, zum Beispiel durch die Streichung der staatlichen Mittel. Unter anderem daraus entspringen Auseinandersetzungen der Rurales Normales mit der Polizei an den anderen Standorten. Busweise fahren die Studenten zur Unterstützung für andere Universitäten mitunter ins 13 Stunden entfernte Aguascalientes durch das Land. Wie in einer Schicht werden sie nach wenigen Tagen Protest (bei dem es oft zu gewaltsamen Zusammenstößen kommt) durch nachrückende Studenten abgelöst, damit nicht zu viele Unterrichtsstunden verpasst werden.

Die Überlebenden des 26. und 27. Septembers sind zu Veteranen geworden. Insgesamt verschlossener, müder, der Gedanke des Aufhörens war präsent bei den meisten, mit denen ich sprechen konnte. Auch war es schwieriger, mit den Studenten in Kontakt zu treten. Das Komitee besteht aus den Erstsemestern und entscheidet, was passiert und was nicht. Keine leichte Aufgabe für die frisch immatrikulierten. Gegenüber den Medien und auch mir als Einzelperson ist man dort deutlich misstrauischer geworden, weil sich nichts zum Guten gewandelt hat, die Studenten immer noch nicht gefunden wurden.

Mittlerweile ist die Zeit zum größten Feind geworden. Wenn im kommenden Jahr die Überlebenden die Universität verlassen, wird sie niemand dort mehr persönlich kennen. Die Gesichter werden zu Ikonen, die Namen zu Legenden. Dann haben die Täter beinahe gewonnen.

Oliver Stiller, Regisseur „Esperanza 43“
Deutscher Menschenrechts-Filmpreis 2016, Kategorie „Kurzfilm“

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